Von 1900 bis 2000

Im Mai des Jahres 1900 fanden sich in der Gaststätte „Nordstern“ in Sennelager sieben beherzte junge Männer ein, die im Besitz eines neuartigen Zweirades waren, nun Fahrrad genannt. Bis kurz vor der Jahrhundertwende gab es zwar Laufräder verschiedenster Arten, Hochräder, oder auch andere ähnliche Fortbewegungsmittel, mit deren Hilfe man leichter vorwärts kam. Doch dann entwickelte sich schnell ein Rad mit zwei gleichgroßen Laufrädern und Kettenantrieb.

Im Rheinland entstanden dann die ersten Radsportvereine bereits vor der Jahrhundertwende, bei uns folgten sie etwas später. Da es noch keine Autos gab, war das Fahrrad eine kleine Sensation. Die Besitzer schlossen sich zu Interessengemeinschaften zusammen und knüpften ihre Mitgliedsbedingungen an den Besitz eines Rades an.

Als 1. Vorsitzenden wählte man damals den alt eingesessenen Maurermeister Lorenz Husemann, der dem jungen Verein lange Jahre vorstand. Die Zahl der Mitglieder wuchs vor dem ersten Weltkrieg bereits auf 125 junge Männer an, denn für Frauen geziemte sich das „Radeln“ damals noch nicht. Sie trugen gleiche Kleidung mit Knickerbockerhosen und besonders angefertigten Mützen mit Schirm und buntem Putelkopf. Die Aktivitäten bestanden in gemeinsamen Ausflügen, rege Geselligkeiten und kleineren Wettkämpfen im Schnell- und Langsamfahren. Im Jahre 1908 wurde in Sennelager auf der noch autolosen Bielefelder Straße das erste Rennen statt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Straßenrennen 1908

in Sennelager

Der erste Weltkrieg brachte dann einen großen Rückschlag. Die jungen Männer mußten an die Front, viele von ihnen kehrten nicht zurück oder blieben für den Rest ihres Lebens behindert. Es folgten die schlechten Jahre der Inflation und Arbeitslosigkeit. Auch das gesellschaftliche Leben konnte sich dadurch nur spärlich entfalten. Erst das, aus dieser schlechten Wirtschaftslage entstandene nationalsozialistische System, brachte einen Wiederanstieg der sportlichen Möglichkeiten. Die damit verbundene Vereinheitlichung allen sportlichen Lebens im „Reichsportbund“ (1936) und besonders mit dem derzeit noch bewohnten Haustenbeck. Man besuchte sich gegenseitig - natürlich mit Fahrrädern – pflegte Geselligkeiten und auch sportliche Aktivitäten.

Die Radrennen wurden größer und überörtlich organisiert. Strecken wie Neuhaus-Warburg, durch die sogenannte „Lange Nacht“ mit gewissen Steigungen, bewältigte man nun mit der neu aufgekommenen Gangschaltung. Josef Sinne, der spätere Vorsitzende des RSV erinnerte sich zu Lebzeiten gern seiner damaligen Siegeserfolge.

Aus den Reihen der zahlreichen Jugendlichen des Vereins profilierte sich ein kleiner unscheinbarer Nachwuchsfahrer und erwarb zum Staunen der älteren im Jahre 1936 bereits einen Vereinsmeistertitel. Es war der seinerzeit bekannteste und später in Paderborn lebende Conny Gründewald. Neben vielen lokalen Erfolgen konnte er im Jahr 1940 in Breslau an den Deutschen Meisterschaften im Straßenrennen teilnehmen und mit einem beachtlichen 4. Platz heimkehren.

Aber auch das sogenannte Kunst- und Reigenfahren entwickelte sich in den dreißiger Jahren. Der bereits verstorbene Johannes Höschen hatte im Ruhrgebiet Informationen gesammelt und berichtete über spezille Räder ohne Freilauf, mit denen man vorwärts und rückwärts fahren könne. Von den GOLD-RAD-Werken in Köln wurden dann zwei solcher Kunst- räder beschafft, mit denen die bereits verstorbenen Seppel Ruhe und Ferdi Höschen im Jahre 1936 einen Westfalenmeistertitel nach Neuhaus holen konnten. Als besondere Auszeichnung trugen die Sieger eine Scherpe beim Fahren.

Völliges Neuland war das sogenannte „Radballspiel“, wobei der Ball mit dem Vorderrad wie auch mit dem Hinterrad geschlagen wird. Nur zwei Spieler bilden eine Mannschaft. Die Neuhäuser „Germanen“ wollten das im Jahr 1936 auch einmal probieren. Von einem befreundeten Lippstädter Verein wurden zwei solche Räder geliehen und auf dem alten Sportplatz mit Aschebelag sollten die Spiele gegen auswärtige Mannschaften aus- getragen werden. Die Chronik berichtet, daß die Räder zu Bruch gingen. Erst zu spät kam die Einsicht, daß Radball nur ein Hallensport ist.

In den Jahren 1939 bis 1945 entstand dann durch den zweiten Weltkrieg erneut eine große Lücke im Vereinsleben. Die wehrpflichtigen Männer wurden zum Militär eingezogen, viele kehrten nicht zurück. Auch die ersten Nachkriegsjahre brachten einen wirtschaftlichen und sozialen Tiefstand. Wer denkt schon an sportliche Aktivitäten, wenn er nichts im Magen hat und Kleidung nur aus alten Militärbeständen zu beschaffen waren? Ersatzteilbeschaffung für die wenigen erhaltenen Fahrräder war ohnehin nicht möglich. Anstelle von Fahrradreifen wurden alte Luftschläuche auf die FeIgen gebunden und zusammengeflickt. So ist es um so erstaunlicher, daß der alte Radsportgeist doch bald wieder erwachte. Beim ehemaligen Kassierer und Aktivisten Josef Sinne traf man sich auf der Deele. Sinne wurde zum 1. Vorsitzender gewählt und mit viel Freude in Geselligkeit der erste Hammel selbst geschlachtet und mit selbstgebranntem Korn festlich verzehrt.

Von Bochum war der ehemalige Radsporttunktionär Johannes Zaug durch den Krieg nach Paderborn verschlagen worden und reihte sich bald in Neuhaus bei den alten „Germanen“ mit ein. Mit den Erfahrungen von Zaug und den Naturalien der Mastbrucher Radsportler wurden bereits 1947 die ersten großen Rennen bundesoffen ausgeschrieben. Das „Nachtigall-Dreieckrennen“ über Sennelager-Sande als Rundkurs über 180 km war eines der bekanntesten Neuhäuser Straßenrennen und wurde von allen namhaften deutschen Rennfahrern gern besucht.

Der Verein, bisher Radfahrverein, wurde nun zum „Radsportverein Germania“ umbenannt und nach der im Jahr 1948 erfolgten Währungsreform erblühte ein noch nie dagewesener sportlicher Erfolg. Mit dem Aufschwung erwachte natürlich auch das gesamte gesellschaftliche Leben des Vereins, es entstand eine neue Generation. Die heimischen Mitglieder versuchten die heimkehrenden Soldaten und die große Zahl der aus Schlesien und dem gesamten Osten Vertriebenen hier mit einzugliedem. Alte Freundschaften mit Nachbarvereinen wurden wieder aufgefrischt und mit neuem Leben erfüllt. Besonders erwähnenswert sind die engen Beziehungen zum Musikverein „Jugendlust“ in Scharmede. Von Neuhaus aus wurden Korsofahrten mit geschmückten Rädern nach Scharmede gestartet und die Musikanten kamen gern nach Neuhaus zu dem in jeden Jahr stattfindenden traditionsreichen Rosenmontagsball.

Der Kunstradsport wurde nach dem Krieg durch Heinrich Borghoff, der in Neuhaus als Fahrradmechaniker tätig war, wieder aufgebaut. Mit den alten beiden „Gold-Rädern“ der Vorkriegszeit, die beim Bauern Höschen auf dem Heuboden lange Zeit versteckt lagen, wagte Borghoff in den 50er Jahren auf dem Hofe Adrian wieder mit jungen Leuten einen Anfang.

Im Garten des Vereinslokal Nachtigall war eine betonierte Tanzfläche, die dann nach Erweiterung eine zwar harte, aber bessere Trainingsfläche bot. Wo sonntags die Paare sich drehten, konnten in der Woche die jungen Kunstradfahrer nun üben. Namen wie Paul Bexten im Einer, sowie Werner Hillemeier mit Konny Kürpick im Zweier-Kunsttahren, brachten hervorragende Leistungen und konnten sich 1956 bis zur Deutschen Meisterschaft qualifizieren.

Wegen der Beschaffung neuer „Saalsportmaschinen“ (Kunstsporträder), die schon damals als Vereinseigentum galten, kam es im Jahr 1954 leider zu Streitigkeiten, die zur Teilung des Vereins führten. Die Straßenfahrer, unter Leitung von Johannes Zaug, traten aus der Gemeinschaft aus und gründeten den „RMC Schloß Neuhaus“. Somit blieben beim RSV Germania nur die Hallenradsportler. Das Vereinslokal wurde zur Gaststätte „Kriegerhalle“ verlegt, auf dessen Holzboden dann regelmäßig, auch bei schlechter Witterung und im Winter trainiert werden konnte. Da der gesamte passive Teil mit dem Vorstand dem alten Verein treu blieb, konnten sich die Aktivitäten der Erwachsenen nun mehr auf Geselligkeiten, Ausflüge, Korsofahrten u. a. konzentrieren und die Gemeinschaft des Vereins blieb erhalten.

Der sportliche Schwerpunkt wurde mehr auf jüngere Teilnehmer verlegt. Es wuchs die Erkenntnis, diese ausgefallene Sportart möglichst früh im Kindesalter zu beginnen. Im Jahr 1960 übernahm der damalige Kassierer Heinz Hunstiger (Foto: links) den Aufbau einer neuen Jugendgruppe und konnte schon nach einem Jahr die ersten Bezirksmeistertitel für „Germania“ gewinnen. Namen wie Ferdi und Werner Höschen, Monika Gaube, Werner Ringel u.a. dominierten bis auf Landesebene und die Schar der Schüler und Jugendlichen wuchs ständig.

Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs wurden überall neue Turnhallen gebaut. So bekam auch der Ortsteil Mastbruch in den Jahren 1966 und 1968 für beide Schulen neue Turnhallen. Der RSV durfte, dank der Unterstützung durch die Gemeinde Schloß Neuhaus, die Turnhalle der Hauptschule nun täglich nutzen. Es entstanden neue Breitensportgruppen, wie Frauen-Gymnastikgruppen, Kinderturnen, Mutter- und Kind- Turnen, Volleyball, Badminton und Männerfreizeitsportgruppen.

Da der BUND DEUTSCHER RADFAHRER unter Freizeitsport nur Radfahren versteht, mußte ein neuer Dachverband für den Freizeitsport gefunden werden. Der RSV schloß sich deshalb im Jahre 1975 dem DEUTSCHEN TURNER-BUND und späterdem FUSSBALL- und LEICHTATHLETIKVERBAND als Mitglied an. Durch intensive Trainingsarbeit wurden dann nicht nur Einzelleistungen, sondern auch gute Breitensportarbeit aufgebaut.

Im Jahre 1972 gelang es dem RSV „Germania“ erstmalig den begehrten Goldpokal des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zu gewinnen. Der Standort Paderborn-Schloß Neuhaus wurde als Leistungsstützpunkt erklärt, was dadurch eine besondere Förderung durch den Landessportbund bewirkte.

Neben vielen Bezirks- und Landesmeistertiteln soll hier nur an die größten Erfolge des Vereins in den 70er Jahren erinnert werden:

1972 Deutsche Meisterschaft im Zweierkunstfahren

Elisabeth Kemper und Sabine Hesse

1973 Deutsche Jugendmeisterschaft im Vierer-Reigen

Monika Kurnoth, Renate Brinkmann, Marita Timmerberg und Sabine Hesse

1974 + 1975 Deutsche Schülermeisterschaften im Zweier

Ruth Thombansen und Barbara Timmer

1977 Deutsche Frauenmeisterschaft im Vierer-Reigen

Monika Kurnoth, Marita Timmerberg, Sabine Hesse und Alwine Höschen

1980 Deutsche Frauenmeisterschaft im Sechser-Reigen

Monika Kurnoth, Sabine Hesse, Alwine Höschen, Marita Timmerberg, Christiane Göllner und Gerda Manegold

1980 Deutsche Vizemeisterinnen im Vierer-Frauenreigen

Monika Kumoth, Marita Timmerberg, Sabine Hesse und Alwine Höschen

 

Erfolgreiche Sportlerinnen

(stehend v. l.) Christiane Göllner, Barbara Timmer, Karin Neisemeier, Ruth Thombansen, Elke Franzander, Gerda Manegold;

(vorne v. l.) Sabine Hesse, Monika Kurnoth, Marita Timmerberg, Alvine Höschen

Nach den großen Erfolgen der 70er Jahre wurde es in den Leistungsgruppen des RSV etwas ruhiger. Die nun erwachsenen Leistungsporller gründeten eine Familie und wandten sich größtenteils anderen Sportarten zu, die nicht so trainingsintensiv sind. Mag es an dem geänderten Freizeitverhalten oder dem neuen Leistungsbewußtsein der heutigen Generation liegen. Modesportarten bieten unseren jungen Menschen immer mehr Möglichkeiten einer körperlichen Betätigung und verpflichten zu keiner längeren Bindung an einen Sportverein.

Im Jahre 1990 ging die Leitung der Radsportgruppe nach langjähriger Leitung durch das Ehepaar Heinz und Kuni Hunstiger in jüngere Hände über. Ehemalige Sportler wie Monika Höschen, Maria Siebert-Timmerberg, Hubertus Wollförster und ab 1999 Cornelia Strosny mit Frank Reineke übernahmen als Abteilungsleiter die Radsportgruppe.

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© Michael Glunz